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Bickendorf

Die verschwundenen Bilder

Der Maler Anton Räderscheidt in Bickendorf
Text: Gregor Kannberg, Fotos: Pascal Räderscheidt, Gregor Kannberg. Bickendorf war nicht nur der Wohnort zahlreicher Arbeiter und eines Gewerkschaftsführers. In den 20er Jahren lebten und arbeiteten mit Anton Räderscheidt und Heinrich Maria Davringhausen zumindest zwei berühmte Künstler der Moderne hier. Ein Umstand, auf den die GAG stolz sein könnte, dessen Erbe sie aber nicht pflegt (oder nicht kennt).
Ein Automobil fährt auf der Venloer Straße nach Bickendorf. In ihm sitzt ein nicht sehr großer Herr in feinem Zwirn und einer modischen Melone. Der Fahrer biegt mit seinem Wagen in eine kleine Straße der neuen GAG-Siedlung. Hier sind gerade architektonisch hochmoderne Häuser entstanden, die den Mietern einen außerordentlich fortschrittlichen Wohnkomfort bieten. Sogar.....fließend Wasser und Toiletten sind Standard. Im Schlehdornweg 2 hält das Automobil und der Fahrer steigt aus. Aus der von ihm geöffneten Fahrgastkabine tritt der Mann ins Freie, er rückt den Hut zurecht und betritt das dreigeschossige Wohnhaus. Paul Multhaupt heißt der Mann, der die Stiegen hinauf bis zum obersten Stockwerk geht. Er ist der Vorstand der Firma Eduard Schloemann, Konstruktionsbüro für hydraulische Pressen und Walzwerke in Düsseldorf. 
 
Der Industrielle betritt das Atelier des Kölner Malers Anton Räderscheidt, der seit 1927 mit seiner Frau, der Künstlerin Marta Hegemann, und ihren beiden gemeinsamen Kindern hier wohnt und arbeitet. Die Wohnung entspricht der von Räderscheidt in seiner Malerei praktizierten Sachlichkeit. Es gibt kaum Mobiliar und keine schmückenden Utensilien. An den Fenstern hängt transparentes Papier, wie es zum Durchpausen verwendet wird. Das Licht dringt daher diffus in den Raum. Es verteilt sich unbestimmt und ergibt eine milchige Stimmung. Das Atelier wird durch eine einfache Kugellampe beleuchtet. Paul Multhaupt zieht seinen Mantel aus und stellt sich selbstbewusst in Pose für das Portrait, das der Maler von ihm anfertigen soll. Das Bild zeigt einen weit weniger bestimmten Mann als das während der Sitzung entstandene Foto. Möglicherweise kochte der Maler anschließend auch für sein Modell, denn er war ein leidenschaftlicher Koch, woran sich sehr viel später auch die Schriftsteller Thomas Mann und Lion Feuchtwanger erinnerten, die ebenfalls in den Genuss seiner Zubereitungskunst kamen. Räderscheidt malt viele Portraits. Es ist eine seiner Haupteinnahmequellen. Dabei ist der Künstler berühmt, spätestens seit seiner Teilnahme an der Ausstellung "Neue Sachlichkeit" 1925 in Mannheim. Räderscheidt war der einzige Kölner Maler, der dazu eingeladen wurde. Noch im selben Jahr hingen seine Werke schon in sechs Museen und erzielten Preise von mehreren Tausend Mark. Der Ruhm und das Geld ermöglichten ihm einen Umzug in die eigene Atelierwohnung nach Bickendorf. In der selben Straße wohnt (1927) der berühmte Aachener Maler Heinrich Maria Davringhausen, mit dem Räderscheidt befreundet ist. Trotz der Anerkennung leben der immer elegant und sehr hochwertig gekleidete Maler und seine Familie oftmals von der Hand in den Mund. 
 
Nach expressionistischen Anfängen malte Räderscheidt schon in den frühen 20er Jahren Bildkonstruktionen aus Figuren und Räumen auf einer stahlglatten Bildhaut. Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind einsame Paare. Nicht selten verewigt sich der Künstler selbst in seiner Arbeit als Mann mit einer steifen Melone. Seine Bilder zeigen große Flächen und die darin integrierten Personen wirken leblos und kalt. Zu dieser Zeit gibt es viele Künstler, die nach der ausschweifenden und ekstatischen expressionistischen Kunstepoche, eine neue Ausdrucksform in der Darstellung nüchterner Gegenstände finden. Und Paul Multhaupt sammelt sie. Er versteht sich als großer Freund der Wissenschaft und der Kunst. Er ließ sich durch den eigenbrötlerischen Krefelder Architekten Buschhüter ein repräsentatives, eigenwilliges Herrenhaus in der Krefeld errichten. Zu den von ihm geförderten Personen gehören neben dem Psychoanalytiker C.G. Jung zahlreiche Künstler der Neuen Sachlichkeit und unter ihnen eben auch Räderscheidt als einer der Hauptvertreter dieser Stilrichtung. Multhaupt ist besonders wichtig, denn der Düsseldorfer Industrielle ist der bedeutendste Sammler des jungen Malers. 
 
An seinem Portrait malt Räderscheidt noch bis tief in die Nacht, als ihm die Zigaretten ausgingen. Wie so häufig klingelt er Feinkost Echtermann an, denen er fernmündlich seine Bestellung aufträgt, denn ohne Zigaretten geht das Malen nicht recht voran. Frau K. Echtermann macht sich dann noch einmal zurecht für einen kleinen Spaziergang von ihrem und ihres Mannes Geschäft auf dem Akazienweg bis zu Räderscheidts. "Weil ich mich für schöne Sachen und Bilder immer begeisterte, durfte ich diese auch bewundern. Frau Räderscheidt überreichte mir zu meiner Freude einige Blumen", erinnerte sich Frau K. Echtermann in einem Brief von 1972 an die späten 20er und frühen 30er Jahre. 
 
Die Zeiten änderten sich. 1933 entmachten die Nationalsozialisten mit Hilfe des Zentrums das Parlament und stellten die Weichen für ihre Politik der Grausamkeit. Anton Räderscheidt und mit ihm praktisch die gesamte deutsche Moderne galten als entartet. 17.413 Bilder wurden aus den Museen herausgezogen und vernichtet oder über ein Schweizer Auktionshaus in alle Welt verkauft. Auch die Bilder Räderscheidts erlitten dieses Schicksal. Der Maler selbst emigrierte mit seiner neuen Lebensgefährtin nach Paris (Frau und Kinder blieben in Deutschland zurück). Seine ihm gehörigen eigenen Werke ließ er sich nachschicken. Doch das rettete die Kunstwerke nicht, denn als der Maler Paris aus Angst vor einer deutschen Okkupation fluchtartig verließ, wurde sein Atelier geplündert. Wieder verschwinden viele Bilder.
 
Ähnlich geht es auch der Sammlung Paul Multhaupt, der 1933 Selbstmord verübte. Seine Kunstsammlung, zu der auch viele Werke Klees, Beckmanns und Noldes gehörten, verstreute sich. Über 60 Bilder malte Räderscheidt, die zur Neuen Sachlichkeit zählen. Ein Großteil von ihnen ist verschollen und, wenn überhaupt, nur von Fotos bekannt. "Eine meiner spannendsten Aufgaben ist das Aufspüren verschwundener Werke", sagt Pascal Räderscheidt, jüngster Sohn des Malers. Der ehemalige Journalist verwaltet den Nachlass für die Familie und seine Mutter, die zweite Frau des Malers. 
 
Mit detektivischem Spürsinn sucht der Nachlassverwalter nach neuen unbekannten Informationen über seinen Vater und dessen Bilder. Auch der Verbleib der Sammlung des exzentrischen Düsseldorfer Industriellen gehört zu den Forschungsgebieten Pascal Räderscheidts. Stück für Stück näherte er sich im Falle Multhaupt seinem Objekt. Ausgehend von der Information, dass Multhaupt verheiratet gewesen war, nahm er die Spur auf. Erfolgreich forschte der Nachlassverwalter in Kirchenbüchern und bei Einwohnermeldeämtern nach der Witwe des Industriellen und machte ihren letzten Wohnort ausfindig. Sie war bereits verstorben. Doch bei den Erben fanden sich Hinweise, die zur zweiten Ehefrau Multhaupts führten. Diese war ebenfalls bereits verstorben und hatte keine Kinder hinterlassen. Von Nachbarn erfuhr von einem Tennislehrer, dem sie ihre Hinterlassenschaft vermacht hatte. "Nach langen Mühen fand ich den Tennislehrer, von dem ich schließlich den Nachlass Multhaupts erwerben konnte. Bilder waren nicht darunter, aber allerhand Papier", berichtet Pascal Räderscheidt zufrieden. Unter anderem fand er eine Auflistung der Sammlung des Kunstliebhabers. "Ich habe die gesamte Liste nachvollzogen. Viele Werke hängen jetzt in Museen, wo sie teilweise auf recht dubiose Art und Weise hingekommen sind", bemerkt er süffisant. Auch über die Bilder seines Vaters erfuhr er Neuigkeiten. Durch Hinweise in Briefen konnte er eine Person finden, die ein Bild seines Vaters besitzen sollte. Vor Ort erfuhr er vom Tod der Person. Aber das Bilde existiert noch. "Es hängt bei den Erben im Wohnzimmer", berichtet er lapidar. 
 
Auf diese Art und Weise sind schon einige Bilder wieder aufgetaucht. Wenn es geht, erwirbt Pascal Räderscheidt die Werke. "Andernfalls ist es beruhigend zu wissen, dass sie noch existieren und nicht zerstört wurden", sagt er. Über einen grundsätzlichen Mangel an Bildern kann Pascal Räderscheidt nicht klagen. Der existierende Nachlass umfasst gut 1.500 Werke. Aber aus der Epoche, die als die bedeutendste des Malers gilt, fehlen viele Gemälde. 
 
Anton Räderscheidts Werk erlebte viele Stilbrüche. Nach dem Krieg kehrte er nach Köln zurück und erhielt nicht mehr die Anerkennung, die seine frühere Malerei erlebte. "Meinem Vater war das egal. Für ihn war das spätere Werk bessere Malerei als das in den 20er Jahren. Er empfand auch keine Stilbrüche, sondern sah es als Entwicklung an", erinnert sich der Sohn. "Mein Vater war ein egozentrischer Einzelgänger. Wenn er sprach, bildete er sofort den Mittelpunkt, man hörte ihm zu. Außerdem rauchte, aß und trank er viel", charaktersiert Pascal Räderscheidt den Künstler und fügt hinzu: "Er hätte keine Kinder haben dürfen. Er hat sich nicht viel um uns gekümmert". 1970 starb der Mann, den sein Sohn jetzt vielleicht in seiner Arbeit sucht. 
 
Dank an Pascal Räderscheidt für viele Informationen und die Genehmigung zum Abdruck der Fotos und Gemälde. 
 
Weitere Quellen: Günter Herzog "Anton Räderscheidt", Köln 1991
© big-magazin
 
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